Kinder im Grundschulalter - Ihr Rad ist "Pferd" und "Auto"
Quelle: "Handbuch für Verkerhrssicherheit"
Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Verkehrswacht e.V. und des Deutschen Verkehrssicherheitsrates e.V.

Für die meisten Kinder vollzieht sich der Übergang von der unselbständigen zu zur selbständigen Teilnahme am Straßenverkehr um die Zeit ihrer Einschulung.

Statistik Von den sechs Jahre alten Kindern nehmen bereits 90% selbständig als Fußgänger am Verkehr teil. Bei den kleinen Radfahrern sieht dieses Bild - zum Glück - anders aus: Umfragen ergaben, dass, hier etwa 10% der Eltern eine selbständige Verkehrsbeteiligung der radfahrenden Schulanfänger befürworten. In ländlichen Gegenden sind es übrigens mehr als in der Großstadt.

Für die Kinder ab dem sechsten Lebensjahr ist natürlich der Schulweg der häufigste Zweck der Verkehrsbeteiligung. Dreiviertel der Sechs- bis Zwölfjährigen legen ihn zu Fuß zurück. Schon im ersten Schuljahr werden die meisten nicht mehr von Erwachsenen begleitet.

Platz zwei der zweckbestimmten Verkehrsbeteiligung der Kinder im Grundschulalter nimmt das Spielen im Straßenverkehrsraum ein. Bis zu 50% von ihnen halten sich beim Spielen regelmäßig in direktem Kontakt zum Straßenverkehr auf. Dabei ist für verkehrsreiche städtische Wohngebiete wegen des starken Kraftfahrzeug- und öffentlichen Verkehrs eher das Spielen auf dem Gehweg charakteristisch, für verkehrsarme Wohngebiete hingegen der dauernde Aufenthalt im gemischt genutzten Straßenbereich, weil hier nur gelegentlich auftauchenden Autos ausgewichen werden muß. Forschungsarbeiten haben ergeben, dass Kinder aus größeren Familien vergleichsweise häufiger im im Straßenverkehrsraum spielen.

Jungen sind gefährdeter als Mädchen

Schulweg und Fahrrad sorgen bei den Sechs- bis Zehnjährigen dafür, dass sich der Lebensraum nahezu schlagartig erweitert. Verbunden damit sind in den meisten Fällen neue, meistens höhere Anforderungen. Und - wegen der intensiveren und selbständigeren Nutzung der Verkehrsräume - leider auch ein höheres Unfallrisiko. Dabei steigt mit dem Alter auch die durchschnittliche Entfernung des Unfallortes von der elterlichen Wohnung.

2000 verunglückten insgesamt rund 13.100 Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren - davon 4.807 als Fußgänger, 4.260 als Insassen im Pkw und 3.565 als Radfahrer. 63 (36 Jungen und 27 Mädchen) der 13.100 mußten gar ihr Leben lassen; 20 starben als Fußgänger, 29 als Pkw-Insassen und 10 als Radfahrer. bei den kleinen Fußgängern liegt der Häufigkeitsgipfel bei sieben Jahren. Bei den Radfahrern ergibt sich ein anderes Bild: Hier steigt das Unfallrisiko mit zunehmendem Alter der Kinder bis zwölf Jahre beständig an, danach fällt es leicht.

Die Verteilung der Fußgängerunfälle auf die Tageszeiten spiegelt die Verkehrsteilnahme der Kinder und die jeweilige Fahrzeugdichte wider: Besonders groß ist das Unfallrisiko zwischen 7 und 8 Uhr sowie zwischen 12 und 19 Uhr vor Schulbeginn und nach Schulende also und zur Spielzeit am späten Nachmittag. Zu den gleichen Zeiten ist auch die Verkehrsbeteiligung der Kraftfahrer besonders hoch.

Auch die Radfahrer waren in den Nachmittagsstunden besonders gefährdet. In der Zeit zwischen 13 und 19 Uhr verunglückten nahezu zwei Drittel aller Kinder (64 Prozent). Von den Radfahrerunfällen passieren mit 70% überdurchschnittlich viele in den Monaten April bis September. An Schultagen ist die Gefährdung der sechs- bis zehnjährigen Grundschulkinder ungleich größer als an schulfreien Tagen, weil dann die Verkehrsteilnahme morgens und mittags weitgehend entfällt. Ähnlich verhält es sich mit den Ferienzeiten.

Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass Jungen wesentlich unfallgefährdeter sind als Mädchen. Ein Grund, hierfür liegt in der gewöhnlich größeren Verkehrsbeteiligung und Risikobereitschaft der Jungen.

Die mit Abstand meisten Fußgängerunfälle passieren, weil Kinder die Fahrbahn überschreiten, ohne die Verkehrslage zu prüfen. Auf Platz zwei folgt das plötzliche Hervortreten hinter Sichthindernissen.

Radfahren ist kein Kinderspiel


Statistik Ein ständiger Gefahrenherd für die Gruppe der sechs- bis zehnjährigen Kinder ist das Radfahren. Für Kinder bis sieben Jahre ist das Fahrrad in erster Linie ein Spielzeug. Sie fahren damit, weil es ihnen Spaß macht. Ihr Rad ist dann "Pferd" und "Auto" zugleich. Sie spielen Reiten und machen Rennen. Die Straße wird zur Prärie, der Bürgersteig zum Nürburgring. Wer ist der Schnellste, der Beste, der Mutigste?

Hinzu kommt, dass der "Spielraum Straße" durch ein Fahrrad schlagartig erweitert wird. Kinder, für die der Bordstein eine Grenze ist, solange sie zu Fuß unterwegs sind, müssen dies auf dem Fahrrad erst wieder lernen.

Eltern und Erzieher sollten sich nicht täuschen lassen. Der Eindruck der Fahrsicherheit ist bei den kleinen Radfahrern so trügerisch wie bei den jungen Fahranfängern: Noch der Führerscheinprüfung glauben sie zunächst, ganz toll fahren zu können - bis sie in die erste brenzlige Situation geraten und feststellen müssen, dass sie weder richtig vollbremsen noch einem Hindernis rechtzeitig ausweichen können. Nur: Die kleinen Radfahrer haben keine Knautschzonen.